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TEXT VON Hania
Luczak Chinesische Medizin:
Wie sie wirkt, wie sie hilft Westliche Ärzte bemühen sich, die
fernöstliche Heilkunst zu erlernen, internationale Labors versuchen,
die Wirkungsweisen von deren Methoden zu verstehen. Ein GEO-Team
reiste nach China, um den Konzepten dieser fremdartigen Medizin auf
die Spur zu kommen, die mit Begriffen wie Qi oder Yin und Yang
arbeitet, für die uns die Worte fehlen |

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| © Eric Meola / Image Bank |
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 Akupunktur ist eine der auch im Westen akzeptierten
"TCM"-Disziplinen |
 | Fünf Uhr früh in Jinan, der Hauptstadt
der chinesischen Provinz Shandong, rund 500 Kilometer südlich von Beijing.
Jeden Morgen um diese Zeit erlebt die Fünf-Millionen-Metropole eine
merkwürdige Prozession. Wie magnetisiert streben Tausende Männer und
Frauen aller Altersstufen zum Qian Fo Shan, dem Berg der tausend Buddhas,
der am Südwestrand aus der von Fabrik- und Heizschloten beherrschten Ebene
der Industriestadt ragt. Unter ihnen eine deutsche Medizinerin: Linda Tan,
die Tochter einer Deutschen und eines aus Singapur stammenden Chinesen.
Sie hofft hier zu finden, wonach Millionen in der westlichen Welt suchen:
eine ganzheitliche Heilkunde. Mit ihr studieren Ärzte aus Schweden,
Kanada, Korea und den USA. Ein Unbehagen an der Apparatemedizin, der
Wunsch nach "sanfteren" Methoden, die Sehnsucht nach einem neuen
Menschenbild in der Medizin haben sie hergelockt. Und die Gewissheit, auf
ein gleichermassen komplettes wie kompliziertes System zu treffen: eine
Kombination von Ernährung und Bewegung, von Entspannung und Meditation,
von Prävention und Therapie, die auf die Selbstheilungskräfte des Körpers
setzt.
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| © Lynn Johnson / Albert Leung
/ Phyto-Technology Inc. |
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 5767 Drogen bilden das Kernstück der TCM. Einige werden
seit Jahrtausenden erfolgreich angewandt - gegen die Disharmonien im
Körper |
 | Ausser der westlichen Heilkunde hat sich
im 20. Jahrhundert kein zweites originäres Medizinsystem derart in anderen
Kulturräumen etabliert wie die Traditionelle Chinesische Medizin. Das
englische Fachblatt "Lancet" spricht sogar von einer "Globalisierung der
TCM". Dozenten lehren bereits an deutschen Universitäten, und selbst ein
Ordinariat für TCM ist in Planung. Heilkräuter und sogar Ärzte aus dem
Reich der Mitte sind zu einem Exportschlager geworden.
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Der Lebenshauch
Qi Dabei gelten die Prinzipien der TCM nicht nur für Heilende
und Heilungssuchende, "sie durchdringen unsere Kultur, unser Denken,
unseren Alltag, sie begleiten uns überall, auch jetzt, während wir zum
Berggipfel hinaufsteigen." Linda Tan weiss inzwischen, wie sehr Chinesen
auf das Gleichgewicht der Gegensätze Yin und Yang achten - damit es nicht
zu Qi-Blockaden kommt, der Krankheitsursache Nummer eins. Sie weiss, dass
ihre "Yang-Schwäche" ein Übermass an Yin bedeutet und mit Symptomen wie
Blässe, kalten Extremitäten und verlangsamtem Puls einhergeht; dass
Yang-Überschuss dagegen gekennzeichnet ist von rotem Gesicht, schnellem
Puls und Unrast. Sie hat auch gelernt, dass die Menschen, mit denen sie
den Berg hinaufsteigt, nach der passiven Ruhe der Nacht, einem Prinzip von
Yin, den Ausgleich suchen und durch körperliche Aktivität ihr Yang
stimulieren. Chinesen führen alle Formen des Lebens im Universum auf Qi
zurück. Qi bedeutet in der chinesischen Sprache ursprünglich "Hauch",
"Dampf" oder "Atem" - erfüllt also auch europäische Vorstellungen von
einem "Odem". Qi ist unsichtbar, körperlos, durchdringt aber wie ein Äther
den gesamten Kosmos. Englische Wissenschaftler haben mit dem Begriff
"matter-energy" den Zustand zwischen Materie und Energie zu beschreiben
versucht.
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Den Impuls für die Entwicklung der TCM gab der
Philosoph Lao Tse, der im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben soll. Er und
seine Schüler befassten sich vorwiegend mit den Gesetzmässigkeiten der
Natur und eines Weltorganismus, denen auch der Mensch unterworfen sei.
Folge der diesen Regeln, dann gehe er den "rechten Weg", das Tao, und
werde Harmonie erlangen. "Der Weg kennt weder Dämonen noch Geister, er
kommt aus sich selbst und er geht aus sich selbst", heisst es im "Gelben
Kaiser", einer Art chinesischem Äquivalent zum europäischen Corpus
Hippocraticum. Dieser um 200 v. Chr. von unbekannten Autoren
zusammengetragene Klassiker wandte sich schon damals von mystischen
Vorstellungen ab und orientierte sich an "Naturgesetzen".
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| © Markus Schäfer /
Lightpainter |
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 Moxibustion: eine punktuelle Kräuter-Wärmebehandlung,
die das "Qi" anregen soll. Duftendes Beifuss-Kraut wird auf
Akupunkturnadeln zum Glimmen gebracht |
 | Yin und Yang:
Balance des Seins Das wichtigste Gesetz formten chinesische
Denker mit der komplexen Yin-und-Yang-Theorie. Der Kernpunkt dieser in
Zeiten von Quantentheorie und Quarks, Materie und Antimaterie oft
erstaunlich modern anmutenden Lehre beruht auf der Einsicht, dass alle
Dinge und Erscheinungen in sich auch ihr Gegenteil besitzen und mit diesem
Gegenteil eine Einheit bilden. Es begann mit offensichtlichen, eher groben
Zuordnungen wie Himmel, Sonne, Tag und Feuer als Yang, das mit Hitze,
Anregung, Männlichkeit, Aktivität, Bewegung und Zunahme assoziiert wird.
Yin dagegen steht für Erde, Mond, Nacht und Wasser und weist Qualitäten
auf wie Dunkelheit, Kälte, Ruhe, Weiblichkeit, Passivität und Abnahme.
Mithilfe dieser komplementären und reziproken Kräfte, die der Natur, aller
Materie, allem Handeln, allem Denken und jeder Bewegung innewohnen, erhält
jedes Phänomen einen Platz in der Systematik und hilft die allumfassende
Dynamik des Werdens, Verhaltens und Vergehens zu verstehen - ohne dass
dazu der Glaube an einen Schöpfergott bemüht wird. Dauerhaft im Kosmos des
Taoismus sind regelmässige Muster: Das Gewebe von Dingen und Ereignissen
ist nicht erschaffen worden, sondern existiert kraft seiner inneren Natur,
also durch die beständige Entfaltung von Yin und Yang. Während der
westliche Geist zielgerichtet danach sucht, was hinter den Phänomenen, was
deren Ursache ist, hat der östliche Verstand eher den Ehrgeiz, die
Verflechtung des Ganzen und dessen Dynamik exakt wahrzunehmen.
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| © Alon Reininger / Contact
Press / Agentur Focus |
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 Mineralbäder sollen anregen und zugleich beruhigen. Hier
setzt der Patient auf die stimulierende Wirkung für seine
Haarwurzeln |
 | Die goldene Mitte:
Jedes Ungleichgewicht bringt Disharmonie Allmählich fügten
Denker und Ärzte immer feinere und abstrakte Erscheinungen in diese
Gruppierungen ein und erkannten: Alle Dinge beinhalten gleichzeitig auch
ihre Gegensätze. Weibliches birgt demnach immer Männliches, Wärme immer
Kälte, den Mond macht die nächtliche Sonne sichtbar. Die für westliche
Köpfe manchmal so schwer zu verstehende Logik: Für Chinesen können Dinge
gleichzeitig sein und nicht sein, A kann Nicht-A sein. Die beiden Pole
schaffen einander, kontrollieren einander, verwandeln sich ineinander und
schliesslich ist das eine das andere. Geraten Yin und Yang auf extreme
Weise oder für längere Zeit aus dem Gleichgewicht, hält der Mangel-Aspekt
dem Übermass-Aspekt nicht länger stand und springt womöglich ins Gegenteil
um. Hat ein Mensch zum Beispiel hohes Fieber und schwitzt viel - was als
Übermass von Feuer oder Yang gilt -, besteht die Gefahr, dass er plötzlich
in einen Schock verfällt, einen gefährlichen Yin- oder Kältezustand. Am
Ende chronischer Extremlagen trennen sich Yin und Yang voneinander, und
die Existenz gelangt zum Stillstand: der Tod des Individuums, das dann mit
einen grösseren Kreislauf der Natur verschmilzt.
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Dabei gelten die Prinzipien der TCM nicht nur für
Heilende und Heilungssuchende, "sie durchdringen unsere Kultur, unser
Denken, unseren Alltag, sie begleiten uns überall, auch jetzt, während wir
zum Berggipfel hinaufsteigen." Linda Tan weiss inzwischen, wie sehr
Chinesen auf das Gleichgewicht der Gegensätze Yin und Yang achten - damit
es nicht zu Qi-Blockaden kommt, der Krankheitsursache Nummer eins. Sie
weiss, dass ihre "Yang-Schwäche" ein Übermass an Yin bedeutet und mit
Symptomen wie Blässe, kalten Extremitäten und verlangsamtem Puls
einhergeht; dass Yang-Überschuss dagegen gekennzeichnet ist von rotem
Gesicht, schnellem Puls und Unrast. Sie hat auch gelernt, dass die
Menschen, mit denen sie den Berg hinaufsteigt, nach der passiven Ruhe der
Nacht, einem Prinzip von Yin, den Ausgleich suchen und durch körperliche
Aktivität ihr Yang stimulieren. Chinesen führen alle Formen des Lebens im
Universum auf Qi zurück. Qi bedeutet in der chinesischen Sprache
ursprünglich "Hauch", "Dampf" oder "Atem" - erfüllt also auch europäische
Vorstellungen von einem "Odem". Qi ist unsichtbar, körperlos, durchdringt
aber wie ein Äther den gesamten Kosmos. Englische Wissenschaftler haben
mit dem Begriff "matter-energy" den Zustand zwischen Materie und Energie
zu beschreiben versucht.
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Harmonie des Geistes - und
des Körpers Auch das "Tai Chi", eine Art Heilgymnastik mit
kontrollierter Dynamik und disziplinierter Rhythmisierung des
Gleichgewichtssinns, funktioniert nach dem Spiel der Gegensätze. So ist
etwa der Handrücken Yang, die Handfläche Yin. Die beiden Pole, nach denen
der gesamte Körper unterteilt ist, immer wieder durch bestimmte
Bewegungsabläufe zu wechseln und trotzdem die Einheit, die Balance zu
bewahren, mache den Leib stark und ruhig.
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| © Lynn Johnson / Albert Leung
/ Phyto-Technology Inc. |
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 Selbstheilungskräfte beim Patienten stimulieren: Die
konzentrierten Atemübungen mit den Therapeuten sollen das "Qi"
stärken |
 | Im Westen suchen die Experten mit der
Präzision ihrer technischen Mittel nach der Krankheitsursache, dringen bis
zum Erreger in den Zellen und letztlich zu den DNS-Molekülen vor.
Messwerte, Computerausdrucke und Blutanalysen belegen pathologische
Veränderungen im Körper. In China dagegen, zählt die Gesamtheit des
Organismus. Der renommierte Wissenschaftler und TCM-Experte von der
Harvard Universität, David Eisenberg, sieht in der Therapie "funktioneller
Störungen" ebenfalls eine Domäne der TCM - also bei Leiden ohne klar
fassbare Grundlage, die den Patienten oft über Jahre quälen. Bei solchen
diffusen Fällen stösst die westliche Medizin offenbar eher an ihre
Grenzen. Die Traditionelle Chinesische Medizin kann trotzdem nicht als
"ganzheitlich" bezeichnet werden, denn sie sieht den Patienten zwar als
individuelle körperliche Einheit, nicht aber als Teil eines grösseren
sozialen Gefüges. Sie setzt körperliche Symptome mit Emotionen in
Beziehung, ist aber einer "patientenzentrierten und psychosomatischen
Medizin" durchaus nicht gleichzusetzen, die Linda Tan und ihre
ausländischen Mitstudenten eigentlich hier finden wollten.
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Dennoch: drei Monate später, im
Knappschaftskrankenhaus, einem akademischen Lehrhospital der Universität
Essen. Linda Tan tritt ihre neue Stelle als Ärztin in der "Inneren Medizin
V" an. Mit deutschen und chinesischen Kollegen wird sie eine neue
Abteilung aufbauen, die wissenschaftlich fundierte Methoden aus dem Fernen
Osten in den hiesigen Schulmedizinalltag einbinden soll. Linda Tan und
ihre Kollegen sollen ausserdem eine Vorlesungsreihe erarbeiten. Das Thema
lautet: "Integration der TCM in die westliche Medizin". Ihr chinesischer
Lehrer und Freund Ma Xusheng, den seine ausländischen Schüler auch einfach
"Mark" nennen dürfen, ist aktiv daran beteiligt - per Internet.
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Links zum
Thema: http://tcm-arbeitskreis.uni-hd.de/main.shtml Homepage
des Arbeitskreises für Traditionelle Chinesische Medizin an der
Ruprecht-Karls Universität Heidelberg. Übersichtlich gestaltete und
informative Seiten über die TCM.
http://www.meine-gesundheit.de/natur/texte/chine.htm Allgemeine
Informationen über die Traditionelle Chinesische Medizin und ihren
Bestandteilen.
http://www.tcminter.net/Artikel/adressen.htm Adressen
von TCM-Hochschulen oder Universitäten in China.
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